aktuelle Projekte - Kritiken

  • FeierAbend!
  • August August, August
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    Das ganze Dilemma ist eigentlich vergleichbar mit dem Klimawandel. Wenn der no return point überschritten ist, dann ist Party! Also FeierAbend! So das Motto der satirisch-musikalischen Revue von Margit Carls/Andreas Seyferth im "Theater Viel Lärm um Nichts" in der Pasinger Fabrik. Also lasst uns feiern! Eine der Grundeigenschaften unserer schönen neoliberalen Welt ist das positive Lebensgefühl. Wer nicht gut drauf ist, ist verdächtig und wer finanziell nicht mithalten kann, wird unsichtbar. [...]
    Die satirische Kritik beackert viele Felder, z.B. Religion und die wechselnden Götter. Einer heißt "Digital". Auch dieser Gott wird enttäuschen, wie alle anderen vorher. Das Bemühen, die Menschheit in Kains und Abels aufzuteilen, das als natürliche Ordnung festzuschreiben und damit die Gewalt zu legitimieren, ist allgegenwärtig. Die Welt hat zu stark in der Illusion geschwebt, wir seien dem Humanismus schon sehr nahe. Wie schnell derartige Positionen sich in Luft auflösen, zeigen die politischen Entwicklungen weltweit. [...]
    Putzig hingegen sind Szenen, in denen Stefanie Dischinger und Melda Hazirci die Probleme als Kleinkinder angehen. Es sind mitunter naiv-kindliche Fragen, die uns die Absurdität der Realität auf verblüffende Weise nahe bringen. [...]
    Der Zuschauer sollte dennoch kein lustiges Kabarett erwarten, denn allzu ernst ist mancher Gedanke vor dem Hintergrund "15 Jahre Agenda 2010", dem größten Sozialabbau nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Sie hat viele Mitmenschen in prekäre Lebenssituationen gebracht, denen sie durch vermehrte "Erwerbstätigkeit" zu entrinnen versuchen und dabei auf das wohl Wichtigste überhaupt verzichten: auf ihr Leben. Es ist definitiv ein zu großes Thema für eine abendliche Revue, dennoch werden "Finger in Wunden" gelegt und Denkanstöße gegeben, zumeist auf lustige oder komische Weise. Der Livesound von Kai Taschner trug viele Szenen auf ästhetisch stimmige Weise, betonte Wesentliches und forcierte auch Bauchgefühle, auf die nicht verzichtet werden sollten. Das war eine wichtige Qualität des Abends, denn üblicherweise möchte man im Theater eigentlich nicht von seinen Alltagssorgen eingeholt werden. Ein mutiges Projekt und notwendig zugleich. Das Premierenpublikum sah das ebenso.

    Mehr auf: theaterkritiken.com / Wolf Banitzki

    >>> Unerschrocken im Klassenkampf
    (Mathias Hejny / Münchner Abendzeitung)

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    (Christiane Wechselberger / Münchner Feuilleton)