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    Komödiantisch und klug

    [...] Die Existenz zänkischer Weiber ist ebenso unbestritten wie die der machohaften Männer, deren Primatendenken überall in der Gesellschaft spürbar ist. Man sollte die deutsche Tugend, alles auf ein philosophisches Niveau zu heben, gelegentlich beiseitelassen und sich einfach nur dem Vergnügen hingeben. In Andreas Seyferths Inszenierung der spritzigen und sehr heutigen Spielfassung von Margit Carls gelang das umfänglich.
    Regisseur Seyferth setzte auf Komödiantik und konnte sich auf seine Darsteller zu Recht verlassen. Maria Magdalena Rabls Katharina war durchaus eine widerspenstige Frau, aber sie war auch die donnernde Keiferin. Rabls beeindruckende physische Präsenz erlaubte es ihr, schrill und ungebärdig zu sein. Dem Selbstverständnis als Frau tat das keinen Abbruch. Da bedurfte es schließlich eines darstellerischen Formates wie das von Rainer Haustein, um als Petruchio eine gnadenlose Unterwerfung glaubhaft zu gestalten. Haustein verlor bis zum Ende niemals ernstlich die Oberhoheit, wobei sein geschicktes psychologisches Spiel die Spannung des Stücks durchgängig befeuerte.

    Timo Alexander Wenzel hatte zwar keine Hauptrolle zu bewältigen, doch wohl die Hauptarbeit auf der Bühne zu leisten. Als Tranio, Grumio, Pope, Curtis, Couturier und Witwe brachte er eine nicht unerhebliche Menge Fleisch auf das dramatische Skelett. Dabei wurde sichtbar, dass Wenzel über mehr als ein Gesicht verfügt. Im Gegensatz zur durchgängigen Getragenheit Sebastian Kalhammers in der Rolle Baptistas, des integeren Vaters der beiden so unterschiedlichen Töchter Katharina und Bianca (Elisabeth Grünebach), brillierte Alexander Wagner als Hortensio mit vielfältigen, das Zwerchfell reizende figürlichen Posen. Und last but not least überzeugte Mario Linder als ein ungestüm auf den Pfaden der Minne wandelnder junger Student, der von der Liebe einfach nur überwältigt wurde.

    Für Andreas Seyferths gradlinige, klare und witzige Inszenierung hatte Peter Schultze einen kongenialen Raum geschaffen, bestehend aus zwei unterschiedlichen quadratischen, leicht geneigten Spielflächen, deren Böden mit Renaissancemustern bedeckt waren. Unterschiedliche Beleuchtung rückte die topografischen Orte mehr oder weniger zusammen oder auseinander. Zwei weiße Tische und vier Stühle zwischen den Spielflächen erfüllten sämtliche Anforderungen an Innenräume. Es war schön zu sehen, wie wenig es bedarf, wenn die Räume wirklich erspielt und nicht nur behauptet werden.

      Es war eine überaus kurzweilige und spannende Inszenierung, deren zwei Stunden Dauer wie im Flug vergingen. Doch kehren wir zum Schluss noch einmal auf das Thema Frauenfeindlichkeit des Stückes zurück. Selbst bei größßter Toleranz oder auch Ignoranz dieses orakelhaften Urteils über dieses Werk Shakespeares, könnte wohl kein Regisseur diesem Dilemma einfach durch Nichtbeachtung entkommen. Und so hatte auch Andreas Seyferth das letzte, sehr deutliche Wort. Doch wie sich dieser kluge Schachzug ausnimmt, das muss der Leser dieser Kritik schon selbst ergründen. Dass es sich lohnt, kann jedenfalls garantiert werden.
    Wolf Banitzki / theaterkritiken.com
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