Anatol

ARTHUR SCHNITZLER

Premiere 6. Oktober 2012



Die Bewegte Urte Gudian Der Klangreiche Ardhi Engl Der Anatol Hannes Berg Der Max Alexander Wagner Die Weibliche Deborah Müller

Regie Andreas Seyferth Regieassistenz Eva Maria Reichert Raum / Licht Stephan Joachim Kostüm Johannes Schrödl Video Ardhi Engl Dramaturgie Margrit Carls Flyer Martina Körner Foto Hildegard Wegner Mit freundlicher Genehmigung von Pendel Marionetten, Hermuthausen


MAX Wer war sie? ANATOL Frag das nicht. Sie hat in meinen Armen gelegen, das genügt.

Der Anatol

liebt viel und leiden kann er auch schön.

Für Ersteres hat er viele Damen,

für Letzteres einen Herrn, den Max.

Die Damen überlappen sich (zeitlich) gerne mal

(der Arthur wusste, wovon er dichtete),

der Max ist einzig und hält den Anatol auf dem Teppich

(so gut das geht).

Anatols Liebe

zu den Damen ist aber auch einzig, jedes Mal aufs Neue.

Der Anatol ist ein Extremromantiker

und Illusionskünstler. Ein Augenblicksmensch,

der sich ganz und gar hingibt: seinen Stimmungen. Leben tut er

für den 'Kick' der höchsten Herzensregung, die er mit

(mehr oder weniger) Heuchelei am Köcheln hält:

Er weiß halt um die Flüchtigkeit des Liebelns

und leidet schrecklich unter dessen Siechtum

(wobei sein Leid am größten ist, wenn er feststellen muss,

dass er nicht so inbrünstig geliebt wird, wie er es erwartet).

Fachmann für das Wesen des (Selbst-) Betrugs und Betrogen-Werdens.

Der Arthur

hat den Anatol vor gut hundertzwanzig Jahren in die Welt gesetzt

– und da er nicht gestorben ist (der Anatol),

tollt und quält und träumt er sich

durch unsere Tage wie durchs Fin seines Siècles.

Charmant, selbstgefällig, depressiv, (sehn-)süchtig, empathiebefreit,

verantwortungslos, grandios, rastlos, ratlos:

Damals ein echter Oberschichten-Spross,

heute ein echter Jedermann: WIR SIND NARZISST.

Uns bespiegelnd in unseren 'Errungenschaften',

ob es Menschen sind oder Konsumartikel.

Nichts ohne Bewunderung und 'Liebe' anderer

(für die wir uns unermüdlich 'optimieren'),

uns auf den Bühnen der Zeit in Posen werfend,

zappelnd im Gewirr der inneren und äußeren Strippen,

die man (wie frau) doch so gerne frei in der Hand hätte…

Das mag traurig sein,

aber es ist auch absurd und schräg

und ganz schön komisch:

und genau das ist

ANATOL.


NebenDeborah Müller[Goldspinner, Was ihr wollt],Hannes Berg

[Komödie der Irrungen, Fröhliches Scheitern, Henry IV, Was ihr wollt]

undAlexander Wagner[Odyssee] sind Stimm- und Tanzkünstlerin

Urte Gudianund Klang- und VideotüftlerArdhi Engl

mit von der schrägen Party; in freier Assoziation zu ANATOL

bereichern sie den Abend um ihre ureigenen Welten

des Phantastisch-Wunderlichen und Skurril-Versponnenen.

Arthur Schnitzler Geboren 15. Mai 1862, gestorben 21. Oktober 1931 (an einer Hirnblutung), beides in Wien. Praktizierender Arzt; Autor von Dramen, Romanen, Erzählungen (sowie besessener [Traum-] Tagebuchschreiber). Frauenfreund. Auch Freund von Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann (das berühmte 'Junge Wien'). Tiefenforscher im 'weiten Land' der Psyche, beherzter Analytiker der Gesellschaft. Verfasser von 'Skandalen'. Ewiger Zweifler. Zeitlebens antisemitischen Schmähungen ausgesetzt ("Schmutzstück aus der Feder eines jüdischen Autors"). Ehe (der Erkenntnis von 1902: "Übrig bleibt die grauenvolle, aber nie ausbleibende Einsicht: man hätte einander lieber nicht finden sollen" folgt 1903 die Heirat mit Olga Gussmann, Scheidung 1921); Sohn (Heinrich: wird Schauspieler und Regisseur); Tochter (Lili: Selbstmord in Venedig – Schmerz, den Schnitzler nicht verwindet: "Mit jenem Julitag war mein Leben doch zu Ende."). "Von Einsamkeit gequält, sehnen sich seine Helden nach der Frau. […] Enttäuscht werden sie allemal: Nirgends spüren sie ihre Einsamkeit schmerzhafter als im Bett der Geliebten. So wenden sie sich rasch von ihr ab, um das Glück bei der nächsten zu suchen. Doch die Liebe bleibt ihnen versagt. […] Er war, wie kaum ein anderer Schriftsteller, ein erotischer Zeitkritiker und ein zeitkritischer Erotiker." (Marcel Reich-Ranicki) Die ANATOL-Einakter entstanden zwischen 1886 und 1892. Sieben davon fasste Schnitzler zu einem Zyklus zusammen, den er 1893 auf eigene Kosten publizieren ließ.

ANATOL Ich bin eifersüchtig wie ein Narr. Der erste wie der letzte Atemzug meiner Liebe ist die Eifersucht.



PRESSESTIMMEN


Eine echte Perle

[...] Die Schatten von zwei Tauben auf einem Dach, turteln und ... Abflug, eine Videoprojektion stimmte auf die Inszenierung ein. Das in einzelne Episoden unterteilte Erstlingswerk von Arthur Schnitzler gestaltete Margrit Carls dramaturgisch sinnfällig neu, indem sie die Szenen verflocht. Ein Kreis schloss sich, als zu Beginn und zu Ende des Stückes Anatol und Max als alte Männer auf ihr Leben und ihre Erfahrungen blickten. Das Bühnenbild (Stephan Joachim), die wenigen Requisiten in glänzende weiße Folie gehüllt, reflektierte die Leere, die Langweile welcher die Figuren zu entkommen suchen. Ein großer durchsichtiger Vorhang diente als Trennung des Raumes in bewussten und unbewussten Bereich, diente als Projektionsfläche für Bewegung zwischen beiden. Verbunden durch den Klangreichen – Ardhi Engl – füllte sich der gesamte Raum mit belebender Schwingung, mit Musik. Die überaus poetische Inszenierung, sowohl in Bild als auch in Sprache, Gestus und Musik ließ berührende ansprechende Ästhetik erstehen – dem Schönen verpflichtet – dem Schönen, das Inhalt des Lebens sein kann und dem ein ewiges Streben gilt.

Wenn das Streben nach dem Schönen zur puren Eitelkeit wird – eine der sieben Todsünden – dann entfaltet sich Dekadenz. Diese Entartung stellt den Schein in das Rampenlicht der Gesellschaft und das Schöne Sein, der wahre ideale Grundwert gerät darüber in Vergessenheit. Ein Blick in die Spiegel, ein Blick in die Schaufenster, ein Blick in die Medien, ein Blick auf die Menschen macht es allerorts sichtbar. Bisweilen stechen Einzelne hervor, deren Sein mit dem Schein übereinstimmt. Einzelne. Die Inszenierung von Anatol in der Regie von Andreas Seyferth bot dergestalte organische Bilder. Mit leichtem Charme, durchaus einer Seite des Wiener Lebensgefühls entsprechend, agierten die Schauspieler. Die Männer in leichtes weißes Leinen gekleidet, verkörperten Jugendlichkeit (Kostüm Johannes Schrödl). Deborah Müller stellte die Weibliche, die Frauen dar. Berta, Cora, Ilona waren ihre Namen. Voll weiser Erfahrung, voll sprühender Lebenslust, voll liebender Verzweiflung durchspielte sie feinfühlig die bewusste Palette des Rätsels Weib. Ihr Pendant Urte Gudian tanzte im roten Kleid die Bewegung des Unbewussten, die weibliche Triebkraft und spielte mit den Projektionen. Alexander Wagner gab einen vernünftigen ausgleichenden Max, der verlässlich, treu zur Seite stand, wenn Anatol, Hannes Berg, von einer in die nächste Beziehung glitt, von einer Stimmungslage in die entgegengesetzte schwankte. Euphorie und Schwermut, Lebenslust und Lebensfrust ließen sein Spiel taumelnd und zeitlos gültig werden.

Anatol.

"Damals ... eine Geschichte von vor über hundert Jahren und noch dazu aus Wien. Mein Gott, die ...", könnte der für das Heute Blinde sagen. "Schauen Sie sich um, schauen Sie die doch an, die schön herausgeputzten Menschen in ihren Episoden und ihrer Agonie. Wie sie scheintod in die Autos, die Flugzeuge steigen, ihre Laptops und Handys präsentieren und im Lichte an der Isar allzu wichtig erscheinen, ohne tatsächlich die aktuelle Wahrheit hören zu wollen, ihr ins Auge zu sehen. Anders als der junge Schnitzler wissen wir doch seit geraumer Zeit von den Möglichkeiten der Falsifikation.", schrieb zur Aktualität der Inszenierung

C. M. Meier / theaterkritiken.com


Der Schmerz des Liebenden

[...] Die Hauptperson, Anatol, durchdringend gespielt von Hannes Berg, wird durch dieses Szenario quasi durchgetrieben, was der Intention des Stückes umso mehr an Kraft verleiht. Denn Anatol ist ein Getriebener, der die Freiheit sucht und doch immer in den eigenen Schranken eines längst nicht zur Freiheit bereiten bürgerlichen Wesens stecken bleibt.

Besonnener wirkt hier schon sein Freund Max (Alexander Wagner mit großer Bühnenpräsenz), an dem Anatol zerrt und zieht, als könne allein dessen Körperlichkeit ihm ein Stück Wahrheit in dieser verwirrenden und zum Untergang bestimmten Welt vermitteln. Hier stößt man auch zur Kernthematik des Stückes vor, von der Crew um Andreas Seyferth eindrucksvoll umgesetzt: Der Untergang des Alten, Bewährten, das die Menschen längst nicht mehr halten kann, was sich wiederum in Dekadenz und dem verzweifelten Sturz in den kurzen Moment leidenschaftlichen Vergessens widerspiegelt.

Thematiken, die heute so aktuell sind wie Ende des 19. Jahrhunderts. So fühlt man Anatol erschreckend nach, wie er von Weiblichkeit zu Weiblichkeit stürzt, symptomatisch auch nur von einer Person gespielt, dem "Weiblichen" an sich, Deborah Müller.

In dieser skurrilen Aneinanderreihung von Momenten wird an diesem Abend der von Schnitzler proklamierte Schmerz umso greifbarer, des Liebenden, des Konsumierenden, des Narzissten, des erlösungsgleich um Geltung und Macht Bettelnden - Anatol: "Der erste und der letzte Atemzug meiner Liebe ist die Eifersucht."

Christoph Kastenbauer / Münchner Merkur


Fotos: Hilda Lobinger




Die Projekte, mit denen wir 2012/13 Lebenszeit verbringen möchten, stehen unter dem Motto: 'WAHN UND TÄUSCHUNG'.

Begriffe, die allenthalben die 'Realität' bestimmen und zum Theater gehören wie 'Schein' oder 'Sein', 'Spiel' oder 'Wirklichkeit'. Die vor allem zu Shakespeare gehören: Mit dem Liebes-Wahn-Spiel WAS IHR WOLLT (Premiere 29. Dezember 2011) haben wir den Pfad beschritten, den wir in der nächsten Zeit weiter verfolgen werden. Enden werden wir die Reihe ebenfalls mit Shakespeare: seiner Geld-Wahn-Farce TIMON VON ATHEN .


Daneben haben wir für uns einen Autor entdeckt, der sich inhaltlich wie ästhetisch auch gern in diesem Dunstkreis bewegt: Arthur Schnitzler. Ihm widmen wir zwei Projekte: ANATOL und DER GRÜNE KAKADU. [Und gratulieren herzlichst zum 150sten!!!]

Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von andern, nichts von uns: wir spielen immer, wer es weiß, ist klug. (Arthur Schnitzler)


Ein paar Stichworte: Für Schnitzler wie für Shakespeare ist Theater nicht nur Schauplatz innerer und äußerer Schlachten, sondern auch: Metapher des Lebens. Seiner Flüchtigkeit, Vergänglichkeit. Seiner Inszenierungen. Seiner 'Helden': uns allen, die wir uns in Posen und Szenarien einander 'vorführen', ob auf privaten Fliesen oder öffentlichem Parkett, und auf Applaus hoffen. 'Die ganze Welt ist Bühne' war für Shakespeares Publikum Binse; Schnitzler hat diesen Topos samt dazugehöriger Schein-Sein-Thematik aufgegriffen: Letztere dient ihm, dem großen Zweifler, vor allem der Verunsicherung, der Irritation vermeintlicher Gewissheiten. Und natürlich frönt auch er der Lust am Spektakel, am 'Spiel im Spiel'.

Während Shakespeare am Beginn der Entwicklung des modernen 'Ichs' steht, der erste Dichter, der seine Protagonisten mit einer Persönlichkeit, mit so etwas wie Innerlichkeit ausstattet, findet Schnitzler diesbezüglich eine ausdifferenzierte Landschaft vor. Nur ist, was sich 300 Jahre zuvor als strotzend vital feierte, inzwischen brüchig, fiebrig, kränklich, 'nervös': Der Renaissance-Geist, wie er sich bei manchen Shakespeare-Figuren ('freie Künstler ihrer selbst' nannte sie Hegel) überlebensgroß in Szene setzt, ist einem skeptisch-melancholischen Endzeit-Geist gewichen. Die Schnitzlerschen Figuren hängen an Fäden, inneren wie äußeren: an denen ihrer (Trieb-) Natur wie an jenen ihrer Kultur (-Konventionen und -Normen). Sie spielen und werden gespielt. Wer sich für einen Strippenzieher hält, ist am Ende in die eigenen Schnüre verwickelt: fremdbestimmt in einem Spiel, das er nicht durchschaut; das 'Ich' nur Illusion, Maske; und dahinter…? Schnitzler macht hinter den Posen die Leere sichtbar. Er entlarvt die falschen Selbstbilder, den Dünkel, mit dem einige glauben, andere besitzen und ihre Schicksale lenken zu dürfen. Er schlägt ihnen die famosen bürgerlichen Gewissheiten aus der Hand. Einer, der weiß, dass er nichts sicher weiß, versteift sich nicht auf 'Zweifelsfreies'… Denn die mit dem versteiften Körper und Geist: das sind 'Marionetten'. (Titel eines seiner Stückzyklen.) Denen Schnitzler ein Geheimnis lässt; sie vollführen ihre Lebenstänze mit Stil und Grazie. Immerhin.

Noch einmal gut hundert Jahre später kann man sagen: die Strippen sind immer straffer gezogen (bis in die letzten Hirnwindungen) und schamlos sichtbar; die Originalität der Inszenierungen blieb auf der Strecke: ein Spiel ohne Plan, ohne Vision, ohne Sinn, ohne Verbindung zu irgendetwas 'Wesentlichem', das das unglückliche Ego transzendieren könnte; billige Posen: äußerliche Zurschaustellungen, die die innere Leere kaum kaschieren. Dahinter die nackte Angst. Manipulation ist alles. Ziel der Ober-Marionetten: möglichst viele Fäden in die Hand kriegen. Bestimmen, was die andern spielen. Erklären, dass das Spiel gar nicht anders gespielt werden kann. Falls wer das Gegenteil behauptet, demonstrieren willige Kasperköppe ihre 'Beißreflexe'. Der Bewegungsradius der Unter-Marionetten ist eng begrenzt, die Abläufe ihrer 'Tänze' standardisiert. Geheimnisse sind nicht erwünscht (bei den Unteren, versteht sich), so wenig wie Nischen. Die Püppchen sind zweckbestimmt, von klein (immer kleiner) auf gedrillt auf Effizienz und Funktionieren – und manch eine/r findet sich aussortiert in der Wegwerfkiste… Abenteuer Leben – ha!


An welchen Fäden hängen wir? wer oder was bewegt uns? Sind die Fäden 'naturgegeben'? 'künstlich angehängt' (etwa zwischen Mann und Frau)? Welche Fäden 'sichern' 'echte' Verbindungen? welche schnüren ab? Was an Lebendigem, Menschlichem haben wir in uns abgetötet oder dem Absterben preisgegeben (die Voraussetzung fürs Marionetten-Dasein)?

Das Bild der Marionette, des an Schnüren zappelnden Wesens, könnte dazu animieren, den einen oder anderen Schritt aus dem Kasperletheater herauszutreten und sich die Bühne anzuschauen, auf der man da aufläuft… das Spiel genauer unter die Lupe zu nehmen, zu schauen, ob es irgend mit den eigenen inneren Wünschen zu tun hat; ob das, was man begehrt, auch nur im Entferntesten gelebt werden kann…

Mit der 'Unerbittlichkeit des wissenden Arztes' (Thomas Mann) lässt Schnitzler uns einen tiefen Blick werfen auf die Menschen seiner Zeit; und da er ein guter Dichter ist, reicht er über seine Zeit hinaus und ermöglicht einen Blick auf die Fäden, die uns halten (= festhalten und Halt geben), die an uns ziehen und zerren: ein Augenmerk auf die bewussten und unbewussten Überzeugungen, in die wir uns zeitlebens verstricken - während wir alles unter Kontrolle wähnen und gerne das Wörtchen Freiheit im Munde führen.

In einer Zeit der massenhaft vorhandenen bornierten Beschränktheiten und in Betonköpfe gemeißelten Gewissheiten über die Art und Weise, wie Menschen ihr Leben verbringen sollen, können wir von Arthur Schnitzler das Zweifeln lernen - Beginn der Befreiung von jeglichem Wahn

P. S.:Es stimmt:

Wir haben die Marionette als Metapher hier ein bisserl strapaziert...

Und deswegen müssen wir jetzt unbedingt darauf hinweisen, dass die Marionette selbstverständlich auch für pralles, schräges, poetisches,

burleskes, groteskes, absurdes, freches, verträumtes,

verrücktes, volkstümliches, artifizielles -

ach was: fürTheater pursteht!!!