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MEISTER FLOH

E. T. A. Hoffmann

Premiere: 8. Dezember 2000


Regie + Komposition + Bühne: Matthias Friedrich

Regieassistenz: Oliver Zimmer

Bühnenbau: Sebastian Hofmüller

Lichtdesign: Jo Hübner

Fassung: Margrit Carls

Produktionsassistenz: Cornelia Rapp


mit

Andreas Seyferth

Thérèse Berger

Danielle Clamer

Bernd Dechamps

Christian Buse

Hardy Hoosman

Margrit Carls

sowie

Imre Pfaffenbüchel


















Stellen Sie sich vor, Sie feiern in aller Ruhe und Beschaulichkeit im Kreise Ihrer Lieben, die längst dahingegangen sind, und in getreuer Obhut Ihrer Kinderfrau, die fast zu hässlich ist, um wahr zu sein, den Heiligen Abend. Da fällt Sie ein wunderschönes wenn auch recht fremdartiges Frauenzimmer an, herzt und küsst Sie und will bei Ihnen wohnen.

Stellen Sie sich ferner vor, Ihr bester Freund eröffnet Ihnen, er sei in Wahrheit eine Distel mit jahrtausendealtem Anspruch auf die Hand Ihrer Liebsten, die in Wahrheit eine Tulpe ist sowie eine ermordete Prinzessin.

Dann stellen Sie sich vor, Ihr Untermieter lässt Sie wissen, er sei nicht etwa, wie alle behaupten, vor einigen hundert Jahren gestorben, sondern immer noch der alte: nämlich ein bedeutender Magier und Wissenschaftler, der mit seinem ebenfalls untoten Kollegen, derzeit Flohbändiger ohne Flöhe, Ihre Freundin aus dem Blütenstaub befreit und ihr das Leben geschenkt habe.

Und stellen Sie sich schließlich vor, Sie wachen eines Nachts auf und finden auf der Bettdecke Ihren Meister…


PRESSESTIMMEN


Eine Verbeugung vor E. T. A. Hoffmann: Margrit Carls‘ Bearbeitung des romantischen Märchens vom "Meister Floh". Doch sie buchstabierte den wunderlich wuchernden Text nicht etwa artig nach, sondern löste die Geschichte szenisch so geschickt auf, dass Regisseur Matthias Friedrichs Phantasie Kapriolen schlagen durfte … Die poetische Kraft der Inszenierung zieht einen magisch in ihren Bann. Sie beginnt als Hörspiel: aus surreal zur Stummfilmkulisse verkanteten Häusern tröpfeln Geräsche, bis sich allmählich skurrile Figuren einfinden. Wunderbar Margrit Carls als Floh, der die Strippen aller Geheimnisse zieht, wunderlich Andreas Seyferth als weltfremder Peregrinus, kraftvoll Christian Buses geerdeter Pepusch und umwerfend komisch Hardy Hoosman als kurioser Wissenschaftler. Gebrochen durch ironische Kommentare verwischt heitere Leichtigkeit die Grenzen dieses Traumspiels. tz


Allein für die Idee, E. T. A. Hoffmanns "Meister Floh" auf die Bühne zu bringen, müsste man Pasings Theater Viel Lärm um Nichts die Füße küssen … Schon die erste Szene in Matthias Friedrichs famoser Inszenierung ist hinreißend. Da wird die Kindheit des Helden als Hör– und Lichtspiel im Zeitrafer erzählt. Sodann tritt Peregrinus mit Schubert-Brille und im Schwalbenschwanz durch eine der Bühnentüren, die das Spukpersonal ausspucken wie das Spielzeug den Kastenteufel. Andreas Seyferth gibt den verliebten Weiberfeind als biedermeierlichen Kindskopf von anrührender Komik … Traumszenen erglühen hinter Schleiernessel, magische Zeichen malen sich auf Leuchttafeln, Nachtmahre, Trugbilder und Gelichter ziehen als stiebende Theaterfunken vorüber und erhitzen die Fantasie wie kräftiger Wunschpunsch zur Weihnachtszeit. Münchner Merkur


"Stille Nacht" hatten wir schon. Und eine schöne Bescherung auch. Am Freitag in der Pasinger Fabrik, im "Meister Floh". Wer uns den Floh ins Ohr gesetzt hat? "Viel Lärm um Nichts" – wer sonst? Besonders weihnachtlich geht es jedoch in E. T. A. Hoffmanns "wunderlicher Erzählung" nicht zu. In den Alltagstrott von Peregrinus Tyss (herrlich naiv: Andreas Seyferth) bricht am Weihnachtsabend das wahre Leben ein. Phantastische Magier, geheimnisvolle Naturforscher aus vergangenen Zeiten konfrontieren den biederen Kaufmann mit seinem unbekannten Ich. (Dämonisch und mit hinreissend akrobatischer Komik: Hardy Hoosman als Swammerdam, wohldosiert zynisch Bernd Dechamps als Leuwenhoek.) Undine, die verführerische Prinzessin (Danielle Clamer) katapultiert ihn in Liebesraserei. Meister Floh (Margrit Carls), der kleine Knirps, sitzt vernünftelnd mal im Ohr, mal in der Krawatte. Das Stück spielt nicht nur auf verschiedenen Ebenen der Realitäten und der Zeit, sondern auch des Raums. Szenen aus Famagusta, dem Märchenland der Blumenprinzessin Gamaheh alias Undine und der Distel Zeherit (hochdramatisch wie komisch gleich brillant: Christian Buse, erscheinen wie farbige Projektionen auf erhöhter Spielfläche. Weiße Türen und ein Baugerüst, mit schwarzer Folie verhängt, lässt geheimnisumwitteerte Räme assoziieren. In unbekannte Räme führt die phantastische Handlung fortw&aauml;hrend – sei es in die des Unterbewusstseins, sei es in die vergangener Zeiten. Denn Loewenhoek und Swammerdam, formeltrunkene Erbsenzähler, sind nicht nur Untermieter von Peregrinus, sie sind auch Gestalten des vorhergehenden Jahrhunderts. Aus dem Prosatext des Originals übertrug sie Margrit Carls in dramatisierte Fassung. Ein riskantes Unterfangen, eine Gratwanderung zwischen Szenenspannung und Erzählerpräsenz … Münchner Merkur-Würmtal


Ganz schön regressiv: Noch mit 30 feiert Peregrinus Tyß mit seiner alten Kinderfrau (Thérèse Berger) Weihnachten wie ein kleiner Junge. Als er danach die Bescherung an arme Leute weiterschenkt, fliegt ihm eine wildfremde Frau in die Arme und verstrickt den menschenscheuen Sonderling in das irrwitzigste Abenteuer, das E. T. A. Hoffmann sich ausdenken konnte. Dessen romantisches, ganz und gar fantastisches Märchen "Meister Floh" auf die Bühne zu bringen, ist ebenso wagemutig wie schwierig. Dem Theater Viel Lärm um Nichts ist der Versuch zu 90 Prozent gelungen: Matthias Friedrich inszenierte die Dramatisierung von Margrit Carls als zarten, schwebeleichten Traum von Liebe, Täuschung und Selbstfindung … in Details, Bildern und Stimmungen (unterstützt von Imre Pfaffenbüchler am Kontrabass) so skurril, komisch, poetisch und ironisch, dass man auch die Überlänge von drei Stunden verzeiht. AZ



Fotos von Ingrid Theis




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