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PALAIS ROYAL

  • 23. Feb. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. März 2025

Theatermontage nach Georg Büchner | Uraufführung

eine Produktion von theater VIEL LÄRM UM NICHTS | Uraufführung


Premiere: 27. Dezember 2024



PALAIS ROYAL ist eine Montage von Texten und Motiven aus Georg Büchners 200 Jahre alten Gesamtwerk.

Die Spielenden finden sich in eine provisorische Welt gesetzt. Eine Gemeinschaft, für die alte Gewissheiten weggebrochen, Perspektiven für die Zukunft jedoch noch nicht erkennbar sind. Ruhelose Automaten im festen Griff eines allumfassenden Produktionszwangs, aber "das reicht uns nicht!" Es treten auf: Leonce, Lena, Dantons Tod, Woyzeck, Briefe, Lenz, Schädelnerven und Barben, Lebens- und Staatsformen, moderne Arbeitsverhältnisse, Objekte, Musik und die Frage nach dem Verbleib sozialer Gleichrangigkeit, den Menschenrechten, und Möglichkeiten für die Liebe.

Büchners Weltsicht wird zur Konfrontation mit der Gegenwart und zum ausweglosen Freispiel - "Wir müssen was treiben!" Ein poetischer Theaterabend über das Knarzen und Versagen der Auslaufmodelle aber auch über die Träume der jungen, gut geölten Maschinen.

mit

Denis Fink, Danielle Green, Klara Pfeiffer, Leon Sandner

 

Regie: Arno Friedrich

Bühne & Kostüm: Claudia Karpfinger, Katharina Schmidt

Licht & Technische Einrichtung: Max Reitmayer

Assistenz / Dramaturgie: Christian Schmitz-Linnartz

Grafik: Arno Friedrich

Fotos: Robert Haas


Digitales Programmheft als Download HIER






Pressestimmen


Eine spannende Symbiose. (…) Büchners gesellschaftskritische Texte aus dem vorindustriellen Zeitalter passen perfekt in den aktuellen Zeitgeist. (…) eine Collage, die durch schauspielerische Raffinesse mit einem minimalistischen Bühnenbild auskommt. (…) Szene für Szene entstehen aus denselben Mitteln neue Kompositionen. (…) "Palais Royal“ ist nicht nur für Büchner-Fans. Es ist ein Stück über die zahlreichen Berührungspunkte eines zweihundert Jahre alten literarischen Werks mit dem, was uns heute umtreibt. Denn es geht um Eliten, um Wut und Widerstand.

(Süddeutsche Zeitung)

Im Theater Viel Lärm um nichts kam man immer schon mit wenig aus. Und blickt doch aufs ganz Große: die Welt. (…) Arno Friedrich stöbert und - er lenkt hier schon länger immer wieder behutsam vom puren Erzähltheater in freiere Formen - (holt) eine phantasievolle, poetische Montage hervor. (…) Überall findet sich Bedeutungsvolles, Absurdes, Nebensächliches, Philosophisches, Melancholisches: ein König weiß nicht, wovon er spricht; eine Welt, die fault; der Müßiggang, der "krassiert" (heute wohl Work-Life-Balance). Und von der Gewaltforderung in der Französischen Revolution ist es nicht weit zu "Nimm es leicht, nimm Dynamit" (im Song von Brezel Göring). Einmal mehr merkt man: Büchner war ganz schön modern, und wir gehen Friedrichs Beweisführung herrlich auf den Leim, wenn auf einmal von "Moshpit" oder "Missgeburten im Internet" die Rede ist. Und wir mittendrin sind, in den ergänzenden Textstücken von heute. 100 temporeiche Minuten, witzig bis nachdenklich, großer Applaus.

(IN München)

"Diese Theatermontage ist weniger als Drama gedacht. Friedrich und seinem Quartett geht es (…) um exquisit gedachte und präzise formulierte Erkenntnisse. (…) Dabei bewegt sich ein steter Fluss des Denkens, des Bedeutens durch den Abend. (…) Heiter poetisch."

(Abendzeitung)

"Friedrich montierte kunstvoll Bruchstücke und Satzfetzen (…) und lieferte den Beweis der absoluten Modernität des grandiosen, sprachlich lustvoll mit unterschiedlichsten Stilebenen spielenden Schriftstellers Büchner. Die Originalzitate verteilte er auf sein äußerst lebendiges Ensemble. (…) Originelle Effekte aus der Improvisationskiste gab es zuhauf, (…) poetische Verzauberung und überraschende Theatermagie."

(Donaukurier)



"Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht lachen. Ich meine, sie müßten zu den Fenstern und zu den Gräbern heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich wälzen vor Lachen" (Georg Büchner)​




"O, die Welt ist abscheulich! An einen irrenden Königssohn ist gar nicht zu denken.“
"Das Spiel ist, was uns hält. Wollen wir ein Theater bauen?“

 

Georg Büchner ergreift im Ablauf weniger Jahre, praktische Medizin und theoretische Naturwissenschaft, Grundfragen der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und der Naturphilosophie, Dichtung aller Grade und Arten, politisches Denken und Handeln. Verwirrende Fülle der Aktivitäten, der doch ein eigentlicher Mittelpunkt zu mangeln scheint. Wie aufgegriffen sieht das aus, um dann, nach kurzem Rausch, weggeworfen zu werden. Wohl scheint der jähe Abschluss dieses Lebens verhindert zu haben, daß sich der Ekel, die Absage an alles, was im Fluge aufgenommen wurde, allzu sichtbar schon nach außen hin kundtat. Nur der Bruch mit der Politik nach intensivstem politischem Wirken oder auch die Deklamation des müden, angeekelten, gelangweilten Prinzen Leonce scheinen mögliche Hinweise zu bieten. Hier ist das Ergreifen heterogenster Dinge zum Selbstzweck geworden, zum Spiel und Genuss an sich.



Stellt man die Frage nach den Leitmotiven im Werk Büchners, so läßt sich die Brücke zum Politischen nicht schlagen. Nicht vom Stofflichen der Dichtungen (vom Danton etwa abgesehen), erst recht nicht von ihrem Geistigen her ist die Verbindung herzustellen, die zum Hessischen Landboten und zu Büchners Schicksal als Revolutionär überleitet. Die philosophischen und fachwissenschaftlichen Studien verweigern sich solcher Synthese von Anbeginn an.

Auf die Frage nach der Einheit kommt alles an.

Geht es um das Für und Wider der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung, um Erhalten oder Verändern, so geht es sogleich auch um die menschliche Geschichte, um die Frage nach Freiheit oder Bindung menschlichen Denkens und Wollens, um die Möglichkeit, die Natur des Mitmenschen derart gestalten und beeinflussen zu können, daß sie aus den gegebenen Verhältnissen das Wünschbare herausmeißelt. Damit aber stehen Fortschritt und Freiheit (nebst den »Bedingungen ihrer Möglichkeit«, mit Kant zu sprechen) oder Kreislauf und Gebundenheit des menschlichen Handelns durch gegebene Determinanten. Die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie, von "Bewusstsein und gesellschaftlichem Sein" ist gestellt. Es geht um Entscheidungen, die den Dichter, der ein Dichter der Menschen und des Menschlichen ist, ebenso angehen wie den Philosophen, wie den Wissenschaftler.

Das Gefühl, das die Zeit ihm eingab, war das mangelnder Festigkeit und Sicherheit. Was sich abspielte in Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kunst, Philosophie und Technik, bot in allem ein Bild des Übergangs, der Zerstörung alter Verhältnisse, Einrichtungen und Dogmen, die man für unerschütterlich gehalten hatte, - und völligen Dunkels, der Fragwürdigkeit und der Unsicherheit als Ausblick in die Zukunft. Die Generation lebte im Bewusstsein des »Provisorischwerden aller Verhältnisse«.



Wenn aber weder Stabilität noch offener Kampf für oder wider den Umsturz der Tagesordnung zugeschrieben wurde, wenn nicht einmal klar ist, welche Veränderung in den bestehenden Zuständen möglich oder auch nur wünschenswert ist, dann entsteht ein Gefühl der Haltlosigkeit. Man sucht nach dem Ausgang aus einem Gebäude, dessen Grundpfeiler allenthalben geborsten sind; man fürchtet die Richtung zu verfehlen, sieht aber nirgendwo eine klare Richtung. Man zweifelt am Sinn seines Lebens, denn im Provisorischen kann man nicht geruhig leben. So entstehen Epochen, aus denen dem Nachfahren so oft der Ruf der allgemeinen Lebensangst entgegenhallt. Daher jene Philosophien und Dichtungen der Monotonie und Langeweile, ungezählte Beschreibungen des Seelenzustandes innerer Leere, eines Daseins ohne Richtung und Inhalt, auf der Jagd nach seelischen Sensationen, um die innere Leere zu übertönen, wie sie sich allenthalben in den Zeugnissen jener Generation finden, bei den Franzosen wie den Deutschen, den Engländern wie den Russen oder Spaniern. Eine Generation fragt sich, wozu und wohin sie lebt - und die Frage bleibt unbeantwortet.

Georg Büchner starb am 19. Februar 1837. Er hat französische und deutsche Zustände gesehen und zu verstehen versucht. Was er dort sah, war allenthalben Zusammenbruch, Übergang zu neuen Kämpfen. Ausweg und Lösung der Konflikte vermochten ihm Raum und Zeit nicht zu geben. Im Zeichen dieses Antagonismus steht Büchners gesamtes Denken, Fühlen und Schaffen. In dieser Begrenzung ist sein Werk folgerichtig bis zum Ende, ist es Vollendung. Die gleiche Schranke aber macht es zum Fragment.

(aus "Georg Büchner und seine Zeit“ von Hans Mayer)






Es ist seine Armut, die Woyzeck rettungslos ausliefert, und es ist die bis zum Extrem gesteigerte entfremdete Arbeit, die ihn erdrückt. Vom "Mord durch Arbeit" haben wir in Danton’s Tod nur gehört, im Woyzeck sehen wir ihn als dramatische Wirklichkeit.



UBUNTU

Geräusch der Zukunft

 

Ubuntu ist eine uralte afrikanische Philosophie der Verbundenheit. Im Ubuntu sind das Individuum und die Gruppe kein Gegensatz. Die Gruppe selbst ist das Fundament, auf dem das Individuum sich entfalten kann. Es sagt: Unsere Menschlichkeit ist so reich, dass eine Kultur alleine das gar nicht ausdrücken kann. Und dass der Kontakt und die gegenseitige Abhängigkeit zum Anderen uns immer reicher macht. Hinter dem Wort verbirgt sich die Hoffnung auf

eine gerechte Welt, in der jeder Platz hat und mit seiner Persönlichkeit Größe zur Gemeinschaft beiträgt. Es ist eine kooperative, großzügige, spontane, freundliche, sorgende und teilende Grundhaltung. Man teilt eigentlich alles, selbst wenn man kaum was besitzt. Es ist ein kollektiver und nicht individualistischer Ansatz. Es geht aber nicht um ein gleichförmiges Kollektiv, sondern um echte Gemeinschaft. 

Europas Denken baut auf den Mythos der Individualität und Unabhängigkeit. Afrika preist dagegen die Gemeinschaft und gegenseitige Abhängigkeit. Ubuntu meint, dass der einzelne Mensch nur durch seine Teilhabe am Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Teile, über sich hinaus wachsen kann.

In den zahllosen Dörfern Schwarzafrikas war Ubuntu dann auch eine politische Philosophie, in der ein Häuptling oder König nicht feudal herrschte, sondern als "primus inter pares" bestenfalls zur Stimme des Volkes wurde. In Zeiten von Kolonialismus und Apartheid, wo sich die Kultur der schwarzen Bevölkerungsmehrheit gar nicht wirklich entfalten durfte, war Ubuntu die geheime Philosophie des Widerstands.

"Im afrikanischen Denken ist man weder Kollektivist im kommunistischen Sinne, noch Individualist. Die Idee hinter dem Satz "Ich bin, weil Du bist" meint die tiefe Gemeinschaft zwischen den Menschen. Sie ist kein Gegensatz zur individuellen Freiheit, sondern umschließt sie.“ (Augustine Shutte, Philosoph, Kapstadt) 

Gegen einen ungebremsten Kapitalismus, gegen einen zerstörerischen Individualismus, gegen die reine Herrschaft des Geldes, gegen den Abbau von Demokratie und die Macht des globalen Marktes. Es ist wertvoll, es ist wie ein Windhauch. In dem Moment, in dem Du versuchst, es festzuhalten oder es zu kontrollieren oder zur Ware machst, verschwindet es. Und so soll es wohl sein. Ubuntu kann weder verkauft noch kontrolliert werden. Denn es ist die Substanz des Herzens. 

Als Georg Büchner seine ernüchternden Texte über die deutsche Gesellschaft schrieb, wusste er nicht, das in Afrika eine philosophische Geisteshaltung existiert, die seinen utopischen Träumen vom gerechten Zusammenleben hätte entsprungen sein können. Wenige Jahre nach Büchners Tod wurde Ubuntu im Zuge der Kolonisierung des Afrikanischen Kontinents mehr und mehr verdrängt. Heute wird Ubuntu nur noch von der arfrikanischen Landbevölkerung weitergetragen.

(Text von Arno Friedrich, inspiriert von „Afrikas Ubuntu, Philosophie der Menschlichkeit“, von Dr. Geseko v. Lüpke) 

 
 
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